Ein Tag ohne Handy (im verschneiten Tal)

Ich habe es getan! Ich habe einen ganzen (Arbeits-)Tag ohne Handy verbracht. Von Marcel wurde ich via Twitter für „verrückt“ gehalten – nicht ob der Abstinenz vom Mobiltelefon, vielmehr aufgrund des angesagten (und eingetretenen) Schneefalls. Recht hat er! Einfach ist es nicht. Besonders, wenn man auf die Hinweise zu den Straßenverhältnissen auf den Höhenlagen Wuppertals angewiesen ist. Sind die Straßen schon weiß? Fahren noch alle Busse? Wo gibt es Staus? Über all das bekommt man via Twitter oder über die Homepage der Wuppertaler Stadtwerke (WSW) die notwendigen Informationen. Oder man kann jemanden anrufen. Wenn man ein Handy unterwegs dabei hat…

08.01 Uhr: Ich gehe aus dem Haus. Es ist kalt draußen. Es liegt noch ein wenig Schnee auf den Wiesen von den letzten Tagen, die Straßen sind grau. Die Hände habe ich tief in den Taschen versteckt. Heute ist dort viel Platz. Schließlich habe ich kein Handy dabei. Da bleiben die Hände schön warm. Zumindest solange ich sie nicht an der Ampel heraus holen muss.

08.09 Uhr: An der Bushaltestelle warten wir auf den Busfahrer. Zwei Dienstwagen stehen dort, aber weit und breit kein Fahrer in Sicht. Kommt unser Bus noch oder ist das einer von denen? Geschneit hat es ja (noch) nicht. Man könnte ja jetzt bei Twitter oder so nachgucken, ob etwas passiert ist. Aber ohne Handy kein Internet.

08.10 Uhr: Puh, der Busfahrer taucht auf. Er hatte sich zehn Minuten lang auf der Toilette neben der Haltestelle eingeschlossen. Ist es dort wärmer? Beim Betreten des Busses stelle ich fest: Mit Sicherheit!

08.15 Uhr: Die Fahrt ist langweilig. Nichts Besonderes passiert. Und keiner holt sein Handy raus. Zwei ältere Herren unterhalten sich über ihre Leiden. Und ein Schüler hört Musik. Es ist ein iPod, kein Mobiltelefon mit mp3-Player. Zum Glück. So bekomme ich nicht schon auf den „ersten Metern“ irgendwelche „Entzugserscheinungen“. So kann es ruhig weiter gehen heute an meinem Tag ohne Handy.

08.37 Uhr: Bin auf dem Weg zu einem Termin. Schaue in ein Bürofenster an der Friedrich-Engels-Allee. Eine Frau telefoniert. Kein Handy! Ein schnurgebundenes Telefon. Sowas gibt es ja auch noch.

08.49 Uhr: Da ist sie! Die Frage: „Kein Handy?“ Sie musste ja kommen. „Nein, heute nicht“, antworte ich und ernte entsetzte Blicke. Jemand ohne Handy? Bei älteren Semestern anscheinend nicht selten, aber in meinem Alter schon etwas Besonderes. Egal, ich ziehe das durch! Ein Zurück gibt es ja auch nicht mehr. Auch wenn ich mich beim Warten anschließend langweile. Wieviele Anrufe ich heute wohl verpasse?

09.39 Uhr: Mir fällt ein: Ich erwarte heute eine eMail von meinem Arzt. Ich könnte mir einen Umweg sparen, wenn ich sie unterwegs lesen könnte. Doch das geht ja nicht. Muss ich sie gleich am Computer lesen.

10.54 Uhr: Der Vormittag scheint zum Glück schnell vorbei zu gehen. So merke ich meinen „Entzug“ kaum…

11.20 Uhr: Ein Blick aus dem Fenster: Erste Schneeflocken sind sichtbar. Die Straßen zum Glück noch grau. Kommt noch mehr?

13.08 Uhr: Und ob! Es beginnt stärker zu schneien. Die Autos fahren noch über die Talachse. Aber wie lange noch in diesem Tempo? Und was ist mit den Bussen? Bin ja darauf angewiesen. Noch sieht es zwar gut aus, aber ohne Handy bin ich ja von der Informationsquelle abgeschnitten. Recherche wie vor zwanzig Jahren?

13.20 Uhr: Inzwischen bleibt der Schnee gut liegen.

13.34 Uhr: Ich stehe an der Bushaltestelle. Alleine. Jede Menge Autos rollen auf der B 7 an mir vorbei, nur ein alter Mercedes ist in der Mitte der Straße liegen geblieben und bekommt Starthilfe von einem Ford. Die Linie 611 fährt noch in Richtung Barmen. Ich muss aber nach Elberfeld. Toll…

13.36 Uhr: Ein Ehepaar kommt auf mich zu und fragt, ob noch Busse fahren. Sie hätten die 611 eigentlich sehen müssen, aber ich antworte wahrheitsgemäß. Ohne Handy kann ich keine Prognosen abgeben. Seit zwei Minuten ist jedenfalls noch kein Bus in Richtung Elberfeld gekommen. Nichts Außergewöhnliches. Kann ja noch werden. Hoffe ich zumindest.

13.40 Uhr: Siehe da, schneller als erwartet taucht ein Bus am Horizont auf. Pünktlich laut Fahrplan. Liebe WSW, großer Respekt!

13.50 Uhr: Ich komme an der Morianstraße an und sehe die 625 in Richtung Cronenberg davon fahren. Sie fährt zumindest noch auf die Höhen, dann dürfte es nach Ronsdorf doch auch noch gehen. Mich lässt die Hoffnung nicht mehr los.

13.54 Uhr: Jetzt sollte der Bus eigentlich kommen. Aber er lässt auf sich warten. Selbst der CE64 nach Solingen ist früher dran. Schafft er es durch die Kohlfurth? Theoretisch müsste er es ja locker packen, aber bei den (legendären) Wuppertaler Verhältnissen…

13.56 Uhr: Fünf Busse hintereinander – und der letzte ist meiner! Zwei Minuten Verspätung bei Schneeflocken am Himmel, das kann sich durchaus sehen lassen! Würde das ja gerne twittern und die anderen Wuppertaler über meinen Erfolg auf dem Laufenden halten…

14.01 Uhr: Hinter mir telefoniert jemand: „Wir sind in zehn Minuten in Ronsdorf!“ Ein wenig optimistisch, oder? Denke ich zumindest, ohne dass mir auffällt, dass er ein Handy hat und ich nicht. Hey, wird langsam das handylos Sein zur Gewohnheit? Doch nicht auf Entzug?

14.02 Uhr: Und siehe da: Am Kleeblatt tritt der Busfahrer mächtig aufs Gas. Ist die Straße dort etwa schon glatt? Dann sind es mit Sicherheit keine zehn Minuten bis Ronsdorf.

14.10 Uhr: Ich muss stark sein, ich muss stark sein! Eine Frau zieht neben mir ein uraltes Nokia aus der Tasche. Mit „schwarz-weißem“ Display, also Lichtjahre entfernt von einem Smartphone. Jeder iPhone-Nutzer würde die Frau vielleicht belächeln, aber ich bin irgendwie neidisch. Sie hat wenigstens ein Telefon dabei, ich nicht!

14.11 Uhr: Und wo wir gerade dabei sind: Nun fällt mir auch auf, dass die ganze Fahrt über bereits ein junges Mädel in meinem Sichtfeld sich ein Handy ans Ohr hält und telefoniert. Wäre mir mit Telefon in der Tasche nicht aufgefallen. Jetzt schon…

14.16 Uhr: The Eagle has landed! Oder so ähnlich. Zumindest sind wir wohlbehalten und recht fix trotz Schneefalls in Ronsdorf angekommen. Beim Aussteigen sehe ich einen Autofahrer, der sich während der Fahrt ein Telefon ans Ohr hält. Wäre Polizei in der Nähe, hätte er das, was Schalke und Gladbach derzeit dringend brauchen könnten: Punkte! Allerdings in Flensburg…

14.48 Uhr: In der Zwischenzeit ein wenig gestärkt rufe ich meine eMails ab. Die Mail, die ich von unterwegs abrufen wollte, ist nicht dabei. Also kein Drama, dass ich ohne Handy on Tour bin. Hätte mich wohl sonst nur ein wenig geärgert, dass sie nicht kommt.

15.01 Uhr: Das erste Räumfahrzeug in Ronsdorf? Ich hätte ja sofort mein Handy gezückt und es getwittert. Aber erstens habe ich mein Mobiltelefon nicht dabei und zweitens ist es nur ein Bagger.

16.11 Uhr: Die ersten Autos bleiben am Berg hängen. Allen voran natürlich der Lieferwagen eines bekannten deutschen Paketzustellers mit rot-schwarzem Logo. Ich würde ja – aber kann bekanntlich nicht…

16.47 Uhr: Und wieder in den Schnee! Mir wird bewusst: Ohne Handy raus zu gehen kann durchaus auch von Vorteil sein. Bei glatten Straßen kann ich nicht unglücklich darauf fallen. Spart Geld!

16.54 Uhr: Die Busse haben wieder Verspätung. Ob und wo etwas nicht fährt, weiß ich nicht. Ist mir inzwischen auch egal. Ich habe gelernt, auf minütliche Updates zu verzichten. Bis heute Abend…

17.05 Uhr: Ich sitze beim Arzt im Wartezimmer und bestaune das große Bild mit dem durchgestrichenen Handy. Heute halte ich mich daran. Habe ja keines dabei. Aber kaum habe ich mir das gedacht, zieht mein Gegenüber sein Mobiltelefon aus der Tasche und tippt fleißig eine SMS.

17.11 Uhr: „Ich habe ihnen gerade per eMail geantwortet“, bekomme ich zu hören. Schön, die hätte ich vielleicht auch lesen können – wenn ich nicht gerade zufällig ohne Handy unterwegs wäre.

17.17 Uhr: Während Ronsdorf von fleißigen Männern in orangefarbenen Jacken frei geschaufelt wird, kommt mir auf dem Weg nach Hause ein kleines Mädchen entgegen. Die hat es gut, sie hat ein Handy in der Hand und telefoniert! Nicht mehr lange, dann bin ich auch „erlöst“…

17.24 Uhr: Endlich daheim! Erst einmal die eMails checken und das Handy begutachten. Sieben Anrufe habe ich verpasst und zwei SMS erhalten. Die Mailbox ist auch voll. Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen. Ein ruhiger Tag war es. Sowohl vom Anrufaufkommen, wie auch für mich. Vielleicht sollte ich in Zukunft mal regelmäßig einen handyfreien Tag einlegen. Einer naht ganz sicher bald schon wieder: An Heiligabend bleibt mein Telefon auf jeden Fall aus! Wie jedes Jahr…

WERBUNG

Kommentare

      jessy
      29.11.2010, 19.29 Uhr

      bei dem wetter gehts einfach nicht ohne handy! heute sind schon zwei busse ausgefallen, ohne handy kein abholservice 😀

      Marcus Müller
      29.11.2010, 19.50 Uhr

      Mit ein bisschen Glück und der nötigen Kondition klappt alles. Man muss nur wollen… 😉

      engl
      30.11.2010, 21.09 Uhr

      na, das waren aber nicht einmal 10 stunden. 😉

      Marcus Müller
      01.12.2010, 18.16 Uhr

      Deshalb habe ich ja auch vom „(Arbeits-)Tag“ gesprochen… 😉

      Merlin
      03.12.2010, 06.40 Uhr

      Ts-ts-ts … die lieben Handies … ich habe zwar auch eines, aber so süchtig bin ich nicht danach. So ist die Jugend halt :-/

      -jo-
      13.01.2011, 10.37 Uhr

      Der Winter mit seinem Schneechaos brachte es an den Tag: ohne Handy kein Bezugnehmen auf ein Weiterkommen. Die Handynummern im Bekanntenkreis ersetzen beim Ausfallen des öffentlichen Nahverkehrs den Taxidienst. Wie geht es dir? Wo bist du? Ja, ich komme gleich! Das waren die meist gesprochenen Worte beim Kommunizieren. Ein Tag ohne Handy ist wie ein Fußballspiel ohne Schiedsrichter, kein Pfeifen bzw. kein Klingeln. Das alles wirft die Frage in den Raum: Wie haben sich die Menschen vor vielen, vielen Jahren verständigt? Wer hatte schon ein Telefon zu Hause? Zum Anrufen ging es in die Poststation oder verschickte ein Telegramm. Für weniger Geld wurde die Postkarte oder der Brief verschickt. Der Briefträger war der Nachrichtenüberbringer. Heute bringt er Prospekte und und und. Der Briefkasten ist fast immer voll. Wer kann sich noch an einen Briefträger erinnern, der Zeit zum Schwätzchen hatte? Viele rennen von Haus zu Haus und verschlucken den Guten-Tag-Gruß zwischen den Zähnen. In meinem Postrevier, Gott sei Dank, ist einer mit einem Lichtblick, der weiß und erzählt alles von seinem Bundesligaverein, der zufällig auch in Gelb spielt wie sein Arbeitsanzug. Er ersetzt die Sportzeitung. Das ist kundenfreundlich.

Diesen Beitrag kommentieren: