Höppner: „Das Wort veraltete im Munde…“

^Reinhard Höppner (re.) mit Birgit SchafferDie bewegenden Momente des Novembers 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer werden wohl für immer unvergessen bleiben. Kein Wunder, denn die friedliche Revolution und die daraus resultierende Wiedervereinigung sind noch heute ein Thema. Besonders, wenn es um die Anpassung von „West“ und „Ost“ geht. Sei es in Sachen Gehälter oder dem in Wuppertal wegen der schlechten Haushaltslage oft kritisierten Solidarpakt.

„Man wird die Unterschiede noch lange merken“, zeigte sich Reinhard Höppner sicher. Der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt war im Rahmen der „Offenen Abende“ in der Johanneskirche zu Gast und berichtete aus erster Hand über seine Erlebnisse im Rahmen der Wiedervereinigung. Von den Friedensgebeten über den Olof-Palme-Friedensmarsch (Höppner: „Wer das erlebt hat, der hat den Mut, das noch einmal auszuprobieren“), den Ereignissen in der Prager Botschaft und den Montagsdemonstrationen bis hin schließlich zum 9. November 1989 zeichnete Höppner mit Anekdoten und Auszügen aus seinem Buch „Wunder muss man ausprobieren“ eindrucksvoll den langen, steinigen Weg zur Wiedervereinigung.

„Wir haben unseren Kindern viel zugemutet“, gab der Magdeburger hinsichtlich der möglichen Gefahren für Leib und Leben offen zu. Die Kerzen bei den Montagsdemonstrationen seien aber zu einem Symbol für beide Seiten – sowohl Demonstranten wie auch die Staatsmacht – geworden: „Alle wussten, worauf es ankommt: keine Gewalt!“

All die kleinen Etappen („Wenn man es nicht denkt, dann wird es nicht möglich“) gipfelten schließlich im friedlichen Mauerfall, bei dem die DDR-Bürger nach der Ankündigung von Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am selben Abend noch in Massen „rübermachten“: „Wenn es dieses Probierverhalten nicht gegeben hätte, wäre die Mauer nicht gefallen“, zeigte sich Höppner sicher.

Auch die anschließende Suche in der ersten frei gewählten Volkskammer, der Höppner als Vizepräsident angehörte, nach einem möglichen Beitrittstermin beschrieb er in vielen Details. Nachdem zunächst gar kein Datum genannt worden war, hätte man sich allerdings vom 14. Oktober letztlich in spätabendlichen Gesprächen im kleinen Kreis auf den 3. Oktober „zurück gearbeitet“ und das dann dem Parlament vorgelegt. Dieses habe positiv entschieden, allerdings sei gar nicht klar gewesen, wer überhaupt dem Geltungsbereich des deutschen Grundgesetzes beitreten wolle. Das habe man später noch ergänzt.

„Was schief gegangen ist, ist dem Tempo geschuldet“, erklärte Höppner. Ein Journalist habe die damalige Zeit einmal treffend beschrieben: „Das Wort veraltet uns im Munde“, so intensiv sei die Zeit damals gewesen. Fehler, so der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, habe es auch nach der Wiedervereinigung gegeben: „Die Leute aus dem Westen wussten, was die aus dem Osten machen sollten“, bemängelte Höppner: „Ein bisschen beharrlicher hätte man aufeinander zugehen können.“

Auch in Sachen parlamentarische Zusammenarbeit hätte man in Bundestag und Landtagen von der frei gewählten DDR-Volkskammer durchaus lernen können: „Wenn es darauf ankam, gab es kein Theater“, erzählte Höppner. „Wenn man wirklich gemeinsam handelt, kommt wirklich etwas anderes dabei heraus, als bei jedem Geschwätz.“ Die auch heute noch, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, vorherrschenden Unterschiede werde man nicht so schnell los, allerdings komme man am besten voran, „wenn man sich den Herausforderungen stellt“, so Höppner: „Wenn wir es schaffen, dass die Unterschiede zwischen Ost und West nicht größer sind, als die zwischen Barmen und Elberfeld, dann haben wir es geschafft!“

Erschienen in der Cronenberger Woche.

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Kommentare

      -jo-
      16.01.2011, 14.43 Uhr

      Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, wurden die fünf neuen Länder, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der Bundesrepublik Deutschland durch eine friedliche Wiedervereinigung zugefügt. Mit diesem Tag war der Aufbruch eines neuen Deutschlands gegeben, das heißt, Abschied nehmen nach vier Jahrzehnten getrennter Vergangenheit. Von besonderer Bedeutung ist die Entwicklung wechselseitigen Verständnisses von West- und Ostdeutschen für einander und die Überwindung eines Denkens, das Deutschland in „hüben“ und „drüben“ weiterhin aufteile.

      Nicht was gestern war, sondern was wir morgen gemeinsam sein wollen, vereint uns im Staat.

      Dieser Satz darf für Jung und Alt nicht veralten.

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